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Um 5:00 Uhr bin ich wach, ohne dass der gestellte Wecker piepst. Im Dunkeln werden alle meine Sachen gepackt, um die Familie nicht zu stören, die gestern Abend noch in den Raum eingezogen ist. Bis um 6:00 Uhr ist das Fahrrad bepackt und ich kann mich in die Morgendämmerung aufmachen - durch die Straßen von San Francisco zum Ferry Building. An der Uferstraße gibt es schon erstaunlich viel Verkehr - ich weiche auf eine Nebenstraße aus.
Auch im Amtrak Building herrscht schon reges Treiben. Um 7:00 Uhr fährt bereits der erste Bus. Ich mache mich an die Arbeit, Pedale und Lenker abzuschrauben. Zum Glück sitzen die Schrauben nicht so fest, dass ich sie mit meinem Bordwerkzeug öffnen kann. Das ganze Rad passt dann gerade so in die Bike Box von Amtrak. Ich gebe das Fahrrad und zwei Gepäckstücke auf. Das kostet nur 10$ extra.
Sofort darauf wartet schon der Amtrak-Bus nach Oakland, uns zum Zug zu bringen. Das gesamte Gepäck verschwindet problemlos im Bus. Schon 8:20 Uhr sind wir in Oakland. Der Nachtzug aus Seattle kommt aber nicht wie geplant 8:35 Uhr sondern erst mit einer Stunde Verspätung.
Es ist wieder ein Zug aus Superliner-Wagen wie vor 5 Jahren im "Desert Wind": vier Schlafwagen - Observer Car - Dining Car - Observer Car - vier Sitzwagen. Die Platzkarten werden nach Gutdünken vom Schaffner beim Einsteigen vergeben. Ich erwische einen Fensterplatz auf der Meerseite ! Der Sitzabstand ist so groß, dass die Sitzfläche um eine klappbare Beinstütze nochmals verdoppelt werden kann. Das ermöglicht entspanntes Liegen.
Zuerst geht die Fahrt durch die fruchtbaren Ebenen des Hinterlandes. Dort wird massiv gewässert und mit Gift gespritzt. Die Erntearbeit übernehmen hier mexikanische Taglöhner, die in Scharen die Felder bevölkern.
Nach einer imposanten Passfahrt erreicht der Zug in San Louis Obispo die Pazifikküste. Von nun an schlängelt sich die Strecke eingleisig direkt an der Cliff Edge entlang, oft weit ab von der in den Bergen verlegten Straße. Ich genieße fantastische Ausblicke auf die kalifornische Küste und Dünenlandschaft, die man so bei einer Autofahrt nicht sieht.
Bei Einbruch der Dämmerung hat der Zug in Santa Barbara nur noch 10 Minuten Verspätung, obwohl er zweimal lange auf einen kilometerlangen entgegenkommenden Güterzug warten musste. Die Reststrecke durch die Nacht verläuft rasant auf einer gut ausgebauten Vorortbahnstrecke von Los Angeles. Die Skyline von LA erscheint im Dunkeln wie ein gelandetes Ufo. 10 Minuten vor der Zeit ist der Zug schließlich in der sehr gut wieder hergestellten Union Station in der Stadtmitte von LA. Von hier führen Straßenbahnen (!) und U-Bahnen in die weit verzweigten Vororte der Stadt - eine Bahn-Renaissance, die ich so nicht erwartet hatte.
Der Anschlusszug nach San Diego hat dann leider 40 Minuten Verspätung, die er trotz abenteuerlicher Fahrt über die Weichen beim Überholen der auf die Nachtfahrt wartenden Güterzüge nicht einholt. Erst 1:30 Uhr bin ich in San Diego. Ich beschließe, nur den Rucksack mitzunehmen - das eingecheckte Gepäck kann zwei Tage kostenlos am Bahnhof gelassen werden.
Der Weg zum Hostel führt durch die nächtlich belebte Stadt direkt ins "Gaslamp Quarter". Dort quellen Scharen von jungen Menschen aus den Discos und Kneipen, sodass zeitweise kein Durchkommen ist - und das um 2:00 Uhr nachts....
Auch das vorwiegend junge Volk aus der Jugendherberge geht dort noch munter ein und aus, sodass ich unangemeldet ins Haus komme. Der Anmeldeschalter hat leider geschlossen. Ich mache mich schon bereit, die Nacht auf dem Sofa im Fernsehzimmer zu verbringen, da kommt doch noch ein junger Mann vom Staff vom nächtlichen Streifzug zurück und vermittelt mir unbürokratisch ein freies Bett für 19.50$. Wider Erwarten liege ich also um 3:00 Uhr in einem ordentlichen JH-Bett, während draußen vor dem offenen Fenster das laute Treiben allmählich abflaut.
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