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63. Tag: Wellington (zu Fuß)
So, 13.03.2016


Heute ist Kulturtag. Nach dem Frühstück buche ich im YHA die Fähren nach Picton und zurück. Am 20.03. (Palmsonntag) ist sie fast schon ausgebucht. Dann mache ich mich auf den Weg in die „Theaterstraße“ Courteney Place. Viele große und kleine Theater liegen hier nebeneinander. Da gerade „New Zealand Festival“ in Wellington ist, haben alle wöchentlich – ja täglich – wechselnde Programme. Im großen „St James Theater“ frage ich nach Tickets für heute Abend – eine Tanz- und Musik-Show. Da fällt mein Blick auf ein Plakat, dass heute Abend Kiri Te Kanawa ein Gastkonzert im Convention Center gibt. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich sie nach meinen Recherchen im Internet und ihrem Abschied von der Bühne vor 10 Jahren nie mehr live erleben würde – und nun diese – zufällige – Gelegenheit! Die Karten in der letzten Reihe der Proszeniums-Galerie kosten zwar $71 – ich zögere trotzdem nicht lange.

Noch fasziniert von dieser einmaligen, unerwarteten Chance frage ich im I-Site nach Wander- und Radwegen in der Umgebung von Wellington. Die Auskunft ist eher unbefriedigend. Die Landkarten dazu finde ich anschließend selbst in den Regalen.

Es gibt noch eine katholische Messe um 12:00 Uhr in der St James Kirche. Ich pilgere dorthin und stelle fest, dass dies eine presbyterianische Kirche ist – ohne Kniebank, Tabernakel und ewigem Licht. Der Hintergrund klärt sich während des Gottesdienstes. Anstelle einer Predigt stellt der Pfarrer den Fortgang der Erdbebenertüchtigung der steinernen Kathedrale „St Mary oft the Angels“ vor. 7,5 Millionen Dollar sind erforderlich, 5,5 Millionen sind schon gesammelt – es müssen noch 2 Millionen gesammelt werden. Eine Frau aus Christchurch unterstützt das Anliegen, weil die Gemeinde dort vor fünf Jahren beim Erdbeben ihre Kathedrale verloren hat. Der Chor singt die Messgesänge auf Lateinisch – nur bekannte Texte und Melodien, eben die weltweite Kirchensprache.

Danach streune ich durch einige Seitenstraßen. Vor allem die Cuba Street hat noch ein fast geschlossen viktorianisches Gebäudebild. Ansonsten herrscht architektonisches Chaos: Alt und Neu werden – möglichst kontrastreich – nebeneinander gesetzt. Anstelle der Sanierung alter Häuser wird immer noch lieber abgerissen und ein neuer Kasten in Billigbauweise erstellt. Die Ausnahme bilden einige historische Lagerhäuser im Hafen. Sie werden teilweise umgenutzt: Museum, Restaurant, Veranstaltungshalle. Dazwischen liegen aber postmoderne Neubauten – es gibt keine Struktur.

Schon um 17:00 Uhr breche ich zu Fuß zum Convention Center auf, um 17:30 Uhr öffnet der Konzertsaal. Die Plätze direkt über der Bühne wurden nicht verkauft. Ich sitze in der letzten Reihe am Gang mit vollem Blick auf die Vorderbühne, wo Flügel und Chortribüne bereits aufgebaut sind – beste Sicht also. Das Konzert beginnt mit Chormusik, dann tritt „Dame Kiri“ auf. Zum Entsetzen des Publikums beginnt sie ihr Konzert mit Liedern eines modernen englischen Komponisten. Dann kommt noch das „Laudate Dominum“ vor der Pause. Die Stimme der Siebzigjährigen tremoliert stark – ist manchmal etwas ungenau. Der Chor ist sehr präzise (Nationalchor von Neuseeland), gestaltet aber wenig.

Schon vor der Pause komme ich ins Gespräch mit meiner Nachbarin (Platz 2). Sie ist gelernte Sängerin für den Opernchor, hat aber lange nicht mehr im Chor gearbeitet. Sie lebt in England, hat auch in der Royal Albert Hall im Chor gesungen – die „Planeten“ von Holst.

Nach der Pause folgen romantische deutsche Chorlieder, dann nochmal der moderne Engländer – fast ein Sprechgesang. Erst im italienischen Teil blüht Dame Kiri auf. Leider erst als Zugabe kommen zwei Opernarien – jeweils mit einsetzendem Chor. Dame Kiri versinkt in der Musik, beginnt auf der Bühne zu wandern, sich mit dem Chor zu vereinen. Jetzt ist sie in ihrem Element. Die Stimme ist jetzt sicher, gestaltet wieder – es ist ein Genuss. Leider ist das Publikum nicht in der Lage die dritte Zugabe zu erklatschen. Nach ihrem Abgang von der Bühne stehen die meisten auf und gehen. Das eigentlich jetzt noch mindestens zweimal die Künstler auf die Bühne kommen sollten, kennt das Publikum nicht – es ist halt kein Opernpublikum.

Ich streife noch über die nächtliche Uferpromenade, das Erlebte nachzufühlen, die Einmaligkeit des Ereignisses. Im Hostel koche ich ein umfangreiches Abendessen. Dann ist Zeit zum Tagebuch Schreiben.


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