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Unruhig wache ich um 6:00 Uhr auf. Meine ganze Planung hängt davon ab, heute oder morgen ein Fahrrad zu besorgen. Leise nagt der Zweifel, ob es nicht doch besser gewesen wäre, für 220 Euro mein eigenes Fahrrad mitzunehmen.
Beim Frühstück treffe ich die Schweizerin wieder - sie möchte mit dem Boot durch den Fjord nach Vancouver fahren - eine wunderschöne Seereise. Das Frühstück ist üppig und ungesund: Muffins, Donuts, Toast, Butter und Marmelade, wenigstens eine Orange und Unmengen Kaffee. An der Rezeption lasse ich mir noch den Weg zu "Recycled Cycles" heraussuchen, einem Tip, den ich über Mail vom "Cascade Club" , dem hiesigen Radsportverein habe. Mit einem perfekten Computerausdruck und den Busnummern 71, 72, 73 starte ich gut gerüstet.
Da es erst kurz nach 8:00 Uhr ist, schlendere ich noch durch die unmittelbar angrenzenden Markthallen. Ein ganzes Stadtviertel ist - in mehreren Etagen - mit kleinen Geschäften und Marktständen gefüllt. Besonders beeindruckend sind die Fischstände, die denen in Südfrankreich oder Spanien in nichts nachstehen. Wie im Reiseführer beschrieben, wird der frische Thunfisch vom Anlieferer über die Köpfe der Besucher hinweg zum Verkäufer geworfen - ein fast 10 kg schwerer Brocken. Bei einem Laden für Küchenutensilien frage ich nach einem Bike Shop: Ja, es gebe einen in unmittelbarer Nähe, drei Straßen weiter. Der öffnet aber erst um 10:00 Uhr - also gilt es geduldig zu warten.
Vor der Tür komme ich mit einer Bikerin aus Oregon ins Gespräch, die ihr Rennrad zur Wartung bringt. Auch sie ist skeptisch, ob ich für 200 $ ein Fahrrad bekomme - höchstens ein gebrauchtes. Als der Ladeninhaber um 10:20 Uhr endlich - mit dem Rad natürlich - ankommt, bestätigt er ihre Skepsis. Das billigste Rad kostet 500 $ (nackt), ein europäisch ausgestattetes Trekking Bike über 700 $. Er gibt mir noch die Adresse von "Recycled Cycles" mit, dann stehe ich wieder frustriert vor dem Laden.
In der Innenstadt suche ich die Abfahrtstelle der Busse 71 - 73. Auf Nachfragen finde ich den Weg in eine U-Bahn-Station, in der aber Busse abfahren. Dazu können sie am Tunneleingang auf Trolley-Oberleitung umschalten, eine Technik von Breda aus Italien. In der innersten City kostet das Busfahren nichts (!), deshalb wird erst beim Aussteigen bezahlt, wieder 1.25 $. Da ich keine Quarters besitze, wir mir der Vierteldollar erlassen.
Nach kurzem Fußweg finde ich das Geschäft am Ufer des Süßwasserkanals im Universitätsbereich. Schon draußen fällt mir ein Trekking Bike für 220 $ angenehm auf. Der Verkäufer ist zunächst skeptisch, als ich meinen Wunschpreis von 200 $ nenne. Trekkking Bikes gibts erst ab 500 $ - aber Mountain Bikes sind zu haben... Die wenigen gebrauchten Räder sind meist überausgestattet und kosten weit mehr. Schließlich bietet er mir ein nacktes Mountain Bike für 220 $ an. Dafür kann ich dann auch das anfangs entdeckte Trekking Bike nehmen. Ein Gepäckträger kostet nochmal 23 $ - er wird gleich montiert. Als ich schließlich 275 $ statt der erwarteten 243 $ bezahlen soll, frage ich nach. 10 $ Arbeitslohn werden berechnet und 6,6% Steuern kommen noch hinzu! Nach einigen Verhandlungen wird mir wenigstens der Arbeitslohn erlassen, so dass ich für 264 $ ein nagelneues Trekking Bike - mit Garantie - mitnehme.
Der Weg zurück in die Stadt führt über eine schön ausgebaute aber überhaupt nicht beschilderte Bike Route. Zurück in der Jugendherberge lade ich zunächst die Fahrradausstattung auf. Nach dem Kauf einer sehr günstigen Telefonkarte (2h:40min nach Deutschland für 5 $) melde ich mich zu Hause. Dort wird mein Anruf bereits erwartet.
Dann erkunde ich mit dem Rad die Amtrak Station. Im "Coast Starlight", der jeden Tag einmal von Seattle nach LA fährt, kann ich das Fahrrad mitnehmen für 12 $ (5 $ Fahrpreis und 7 $ Verpackung). Damit ist an jeder Stelle der Tour die rechtzeitige Weiterfahrt nach San Diego gesichert ! In einem abgelegenen Supermarkt fasse ich Proviant. Zum Picknick fahre ich wieder an die Piers zurück.
Den Abend verbringe ich - Tagebuch schreibend - am Ufer des großen Lake Washington, der das Stadtgebiet auf der Westseite begrenzt. Der schneebedeckte Mount Regnier erhebt sich im Hintergrund majestätisch aus dem Dunst.
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