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70. Tag: Cape Town - Kommetjie (42 km)
Mo, 12.03.2012


Heute möchte ich mein Fahrrad bei Familie Bailey abgeben. Statt mit der MetroRail zu fahren, beschließe ich, über den Chapman's Drive direkt von Green Point die ganze Strecke selbst zu radeln. Angenehmer Seewind und zum Teil noch Schatten auf der Bergseite der Straße machen die Strecke zum Genuss. Es sind die 40 letzten Kilometer des gestrigen Argus-Rennens. Man sieht ausgequetschte Tuben mit Energy-Paste am Straßenrand. Sonst sind alle Sicherheitsbarrieren schon wieder eingeräumt. Ein Landwirt holt die gelb verpackten Strohballen wieder ab, die in den Kurven als Prallschutz ausgelegt waren.

Die Bergfahrt kann ich heute fast ohne Schieben zurücklegen. Meine Kondition hat sich in den letzten vier Wochen offenbar gesteigert. An schönen Stellen nehme ich nochmals Fotos - jetzt über die Straße hinweg.

Schon kurz nach 12:00 Uhr bin ich in Kommetije. Beim großen PicknPay am Ortsrand besorge ich mir Brötchen, Schinken und Cola fürs Mittags-Picknick. Obwohl ich eine Stunde früher als verabredet ankomme, empfangen mich die Baileys herzlich. Mein Picknick kann ich jetzt am Tisch mit Teller und Messer essen. Gestern hatten die Freunde des zweiten Sohnes der Baileys aus Cape Town die Küche weitgehend leer gegessen.

Ich möchte Regina und Duncan das Fahrrad schenken - das wollen sie aber nicht akzeptieren. Speziell Regina freut sich über das neue Gefährt, weil sie sich schon lange ein Rad für kurze Fahrten im Ort wünscht. Die Querstange des Herrenrades macht allerdings noch Probleme und führt zum Sturz beim Absteigen. Etwas Gewöhnung wird hoffentlich helfen.

Ich bin eingeladen zum Abendessen. Das ist verbunden zu einer späten Rückfahrt in Duncan's Auto, so dass mir die gefährliche Zugfahrt am Abend erspart bleibt.

Am Nachmittag vorher unternehmen Duncan und ich einen Ausflug nach Nordhoek, an den großen weißen Strand, den man vom Chapman's Drive von oben sieht. Auch hier wurden am Strand wandernde Touristen in den letzten Wochen zweimal ausgeraubt. Wir besuchen danach einen liebenswerten Engländer. Der Senior war früher Elektro-Ingenieur, heute ist er Rentner. Nachdem er sich auf einem Stück Weideland ein großes Haus im kapländischen Stil gebaut hat, konstruiert er jetzt vollständige Kirchenorgeln (!) und renoviert alte Exemplare mit mechanischer Steuerung. Eine Truhenorgel ist gerade im Bau. Alle Holzpfeifen baut er selbst, sowie die ausgeklügelte mechanische Luftsteuerung für die verschiedenen Register. Sein Lieblingskomponist ist - natürlich - Johann Sebastian Bach. Duncan lädt ihn zum gemeinsamen Abendessen ein - ein interessanter Gesprächspartner.

Nach kurzem Einkauf beim PicknPay sind wir wieder bei Regina. Sie hat in der Zwischenzeit einen Teil ihrer Auftragsarbeit erledigt - Übersetzung englischer Texte ins Deutsche. Für ihre mehrtägige Arbeit gibt es gerade mal 3000 Rand. Während sie das Abendessen kocht, kann ich kurz über die schönen Hostels auf meiner Tour berichten. Leider sind meine Email-Reiseberichte bei ihr nicht angekommen.

Der befreundete Orgelbauer bringt eine selbst gebrannte CD mit Arien einer Opernsängerin aus dem 19. Jahrhundert(!) mit - Aufnahmen von 1903 - 1905 von einer Wachswalze. Sie singt Mozart-Arien mit sehr verwaschenen Tönen aber klarer Stimme ohne Vibrato. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie schon 60 Jahre alt.

Auch der jüngste Sohn der Baileys ist heute Abend beim Essen dabei. Er geht in Simon's Town zur Schule und muss jeden Tag von den Eltern zur Schule gebracht bzw. abgeholt werden, weil die Verbindung mit Zug und Bus nicht sicher ist. Er ist - wie sein Vater Duncan - vom Wellensurfen infiziert und würde am liebsten bei einbrechender Dunkelheit nochmal losziehen. Regina setzt aber durch, dass er stattdessen noch Hausaufgaben erledigt.

Das Abendessen ist ein Curry mit Rosinenreis, dazu Tomaten, Gurkensalat und Bananenscheiben. Es schmeckt wunderbar.

Erst nach 20:00 Uhr startet Duncan mit mir zur Rückfahrt nach Cape Town. Von der Höhe der Kapberge glitzern die TownShips großartig dank der vielen hellgelben Lampen, die die Sicherheit dort erhöhen sollen. Um 21:30 Uhr bin ich wieder am Hostel. Duncan drängt mir nun doch noch 100 Euro für das Fahrrad auf. Er kann es als Geschenk nicht akzeptieren.


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