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Noch vor 7:00 Uhr legt das Schiff im noch dunklen Hafen von Genova an. Im Fluss des morgendlichen Autoverkehrs gelange ich schnell zum Bahnhof Genova PP. Hier bekomme ich völlig problemlos die inernationale Fahrradkarte von Genova nach Mannheim (12.30 Euro) und die Regionalfahrkarte nach Milano. Schon 07:58 fährt der übliche Schiebezug mit Fahrradabteil im Steuerwagen nach Milano (aus Ventimiglia kommend). Wieder gesellen sich vier ältere Herren mit Rennrädern hinzu, die schon in Pavia aussteigen. Ob sie die ganze Tour zurück in einem Tag schaffen wollen ?
Das morgendliche Milano enpfängt mich mit viel Autoverkehr und den uralten Straßenbahnen. Teilweise mischen sich zwar neue hinzu - die Mehrheit stammt wohl noch aus den dreißiger Jahren.
Ich lasse mich treiben in Richtung Innenstadt und entdecke Unerwartetes: ein Modellbahngeschäft (etwa die doppelten Preise wie in Deutschland), einen Obst und Gemüsemarkt mit gigantisch günstigen Preisen - wenn man das Obst kiloweise kaufen kann, einen richtig preiswerten Supermarkt zum Proviant fassen, einen sehr schönen kleinen Park für die Frühstückspause: Dort koche ich mir frischen Tee und schaue den jungen Familien beim Samstagsspaziergang zu. Etwas abseits des Zentrums lande ich dann im Cimetero Monumentale, einem großprotzigen Friedhof aus dem ausgehenden 1 9. Jahrhundert, auf dem die damals Reichen ihre Familiengruften aufstellen können. Das sind zum Teil monumentale Bauwerke zwischen Kitsch und Kunst.
Über das holprige Pflaster aus der Frühzeit des Straßenbaus und zwischen vielen Straßenbahnschienen gelange ich schließlich ans Ziel, den Piazza Duomo. Dort trifft sich eine unübersehbare Menschenmenge von Einheimischen, Touristen und Taschendieben. Der Eingang zum Dom wird von Carabinieri bewacht. Schon lange nicht mehr habe ich das Innere des Mailänder Doms bewundert - meist war er gerade geschlossen. Das Innere kann es von seiner gotischen Pracht und Größe durchaus mit dem Kölner Dom aufnehmen - außen allerdings herrscht italienischer "Zuckerbäckerstil" vor. Durch die berühmten Einkaufsgalerien gelange ich zum Piazza della Scala , der Mailänder Oper: wegen Streiks der Bühnenarbeiter wird die heutige Vorstellzung abgesagt.
Durch Zufall finde ich das Büro des ACI (italienischer ADAC). Besonders interessant ist ein vollständiger Katalog der Agriturismo-Anbieter - mit Telefonnummern.
Mit einbrechender Dämmrung begebe ich mich zurück zum Hauptbahnhof. Dort sind noch einige Stunden Wartezeit bis zur Abfahrt des Nachtzuges nach Dortmund zu verbringen. Ganz vorne am Ende ds Bahnsteigs verfolge ich die faszinierend zahlreichen Zugbewegungen dieses größten italienischen Sackbahnhofs. Die Züge nach Reggio Calabria werden immer noch durch die Fenster beladen. Zahlreiche Familienangehörige verstopfen den Bahnsteig.
Kurz vor Ankunft des Nachtzuges wird dann ein Bahnsteigwechsel bekannt gegeben - gegenüber eines Zuges nach Kalabrien. Nur durch Radfahren auf dem Bahnsteig habe ich überhaupt eine Chance, das Fahrradabteil des gerade einlaufenden Zuges rechtzeitig zu erreichen. Diesmal ist es bereits gut belegt (mit Fahrrädern aus Florenz). Natürlich ist auch das Sitzabteil bis auf den letzten Platz ausgebucht - der Internetrfahrkarte für 29.90 Euro sei Dank.
Eine junge Familie mit zwei Kindern hatte auf dem Rückweg von einer Mittelmeerkreuzfahrt keine Liegewagenplätze mehr bekommen, ein junger Berufsschullehrer aus Duisburg hatte spontan eine Woche mit dem Rad in der Toskana verbracht. Interessant sind die Gespräche in dieser Nacht. Der Familienvater arbeitet bei der Deutschen Bank und kennt die Manager-Moral aus eigenem Erleben: "Nur was meinem persönlichen Vorteil dient, wird durchgeführt". Deshalb werden bei Rekordgewinnen weitere Mitarbeiter entlassen - in der Hoffnung auf einen Anstieg der Börsennotation. Dazu werden viele Firmen auch von den amerikanischen Rentenfonds gezwungen, die einen großen Teil der Aktien deutscher AGs aufgekauft haben. Der junge Lehrer verzweifelt inzwischen an der Aussichtslosigkeit vieler seiner Schüler in der Berufsschule so sehr, dass er wieder zurück zur Uni möchte, sich an einem Forschungsprojekt beteiligen. Beide beleuchten den Ruin unserer Wirtschaft von entgegengesetzten Enden - aus erster Hand.
So wird mir in dieser Nacht nicht langweilig. Selbst die obligatorische Fensterpassage bei der Gotthard-Route lasse ich aus. Mit halbstündiger Verspätung kommt der Zug schließlich in Manngheim an. Die erste S-Bahn um 5:00 Uhr fährt aber sowieso erst in einer halben Stunde. Ich steige früh ein. Bis zur Abfahrt ist der Zug überfüllt mit jugendlichen Nachtschärmern, die jetzt zurück in ihre Dörfer fahren.
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