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Liebe Leser,
der heutige Tag ist nach den Erfahrungen von gestern sehr geruhsam
verlaufen. Um 8:00 Uhr starte ich in Kenitra auf der Staatsstraße nach Rabat. Sie ist
vollständig dreispurig ausgebaut und hat - was ich inzwischen positiv
einschätze - regen Verkehr, der aber ausweichen kann - zumindest fast immer.
Die Tour verläuft durch weite Waldflächen, in die längs der Straße
Gärtnereien eingebettet sind, mit allen exotischen Frühlingsblumen, die bei uns
nur in Gewächshaeusern gedeihen. Die Dörfer versuchen eine einheitliche
zweigeschossige Bebauung mit Garagen im Untergeschoss und Wohnfläche darüber -
mit Abstand von den Insekten Afrikas. Wenn man von der Größe der
plattgefahrenen Käfer auf der Straße schließen kann, sind diese schon gewaltig
groß (5 bis 10 cm im Schnitt). Zum Teil sind nur die Untergeschosse fertig. Diese
werden als Kaufladen oder als Werkstatt genutzt, dienen also als wohnortnahe
Erwerbsquelle. Leider sind auch Bauruinen darunter, bei denen - aus welchem
Grund auch immer - die bereits bestehenden Betonstützen teilweise zerstört
wurden, sodass die ganze Konstruktion einknickt...
Einige Dörfer haben noch Wellblechsiedlungen an den Rändern. In Sale, der
Schwesterstadt von Rabat auf dem anderen Flussufer, versucht man dagegen
preiswerte Wohnungen in modernen Wohnblocks zu errichten. In den bereits fertigen
sind aber immer noch Wohnungen frei und die Geschäftsräume im Untergeschoss
ungenutzt. Ich befürchte, dass die gewählte Architektur nicht auf die
Beduerfnisse der zukuenftigen Bewohner eingeht. Das argentinische Modell mit
kleinen freistehenden Einfamilienhäuschen, wo jeder noch nach eigenem Geschmack
individuell weiterbauen kann, wurde dort besser akzeptiert.
Die Leute an der Straße schauen neugierig, pfeifen auch hinter mir her,
aber keiner versucht mich mehr anzugreifen. Mit der Nähe der Hauptstadt beginnt
eine durchgehende Besiedlung des Straßenrandes. Parallel verläuft die gut
ausgebaute und elektrifizierte Bahnstrecke Fes - Rabat - Casablanca, die ich
für meine Ausflugstouren nutzen werde.
Wenn man an den Mauern der Medina (=Altstadt) von Sale vorbeigefahren ist,
grüßt auf der anderen Flussseite Rabat mit seinem Wahrzeichen, einem
Moscheeturm aus dem 12. Jhdt., der aber nie fertiggestellt wurde. Der Fluss ist hier
so sauber, dass Unentwegte darin sogar baden. Die Temperaturen sind aber
immer noch frühlingshaft bei 20°. Heute Nachmittag gab es auch einen kurzen
Regenschauer. Da niemand einen Regenschirm besitzt, flüchten sich die Leute
unter die Alleebäume oder in die Stadtbusse.
Im Hotel "Central" habe ich wieder ein Zimmer mit Dusche für 100 Derham
gefunden, direkt gegenüber vom Parlament. Der Blick vom Hotelfenster im dritten
Stock ist wunderschön über Gartenrestaurants, die Alleepalmen der
Hauptstrasse Mohammed V bis zum Parlament. Der Bahnhof ist 5 Minuten entfernt, sodass
ich ohne Fahrrad zu den Tagestouren starten kann.
Der Altstadtrundgang zeigt das übliche Bild, Bazare, Moscheen, verwinkelte
Gassen, einen mittelalterlichen Palast mit wunderschönem Garten. Das
Besondere ist der "Regierungsbezirk" des Königs. Der Palast ist natürlich
unzugänglich und gut abgeschirmt. Darumherum ist aber ein Wohnviertel für die
Bediensteten entstanden, dass in einer sauberen, großstädtischen Parklandschaft
liegt. Hier gibt es keinen Müll, keine Schlaglöcher, keine losen
Gewegplatten. Hier sind die Rasenflächen bestens gepflegt und die Blumenbeete immer
frisch besetzt. Dieses ganze Viertel ist zwar der Öffentlichkeit zugänglich,
kann aber durch Tore und eine lange Mauer bei Bedarf vollständig abgeriegelt
werden.
Viele Grüße aus der freundlichen Hauptstadt Marokkos
Joachim Heidinger
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